Happy Pipi und Happy Daddy

Von Jochen-Martin Gutsch

Ich bin Teetrinker. Zum einen wegen des hervorragenden Geschmacks, zum anderen, weil eines der schlimmsten Dinge auf dieser Welt Kaffeeatem ist. Es ist ein unglaublich übler Geruch, vergleichbar mit einem toten Tier, das man unter der Zunge trägt. Kaffeeatem sollte man international ächten, so wie biologische Waffen oder den Walfang.


Lange Zeit kaufte ich meinen Tee in Teeläden. Aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr. Teeläden sind winzige, mit Tee-Trödel zugestellte Geschäfte, in denen eifrige Tee-Intellektuelle arbeiten, die einen in Tee-Gespräche verwickeln oder unnützes Tee-Equipment anbieten.
Ich wollte aber immer nur ein bescheidenes Säckchen Earl-Grey-Tee. Wurde dann aber gleich gefragt: Wie lange lassen Sie den Tee ziehen? Bei 65 oder 90 Grad? Benutzen Sie einen Wasserfilter? Möchten Sie einen Teewärmer? Möchten Sie unseren neuen Dong-Ding-Oolong-Tee probieren? Haben Sie eine gute Teebüchse? Tee muss in eine gute Teebüchse! Das war mir zu anstrengend.
Also ging ich in die Kaufhalle. Das Angebot war übersichtlich, fast ignorant. Die Verkäuferinnen wussten nichts über Dong Ding Oolong. Hier war ich glücklich.
Tja, war. Denn bald passierte etwas, was ich bis heute nicht verstehe. Eine Art Lifestyle-Tee-Revolution.
Betrete ich jetzt das einst bescheidene Tee-Eckchen in der Kaufhalle, habe ich das Gefühl, in einem Esoterik-Workshop gelandet zu sein. Oder in der Cafeteria einer Burn-out-Klinik. Die Regale sind geflutet mit Teesorten, die seltsame Namen tragen: „Glückskind-Tee“, „Frühlingskuss“, „Schutzengel-Tee“, „Innere Wärme“, „Träum schön!“, „Sanfte Erholung“, „Harmonie & Ausgleich“, „Energie & Vitalität“, „Lebensfreunde!“, „Hab Dich lieb“-Tee, „Hol Dir Kraft“-Tee.
Mein neuer Lieblingsteename ist „Stundenlang quatschen“-Tee von Milford. Auf der Packung ist eine lachende Frau am Telefon zu sehen. Ich weiß nicht, was dieser Tee bewirkt, aber ich vermute, er greift das Gehirn an, das Sprachzentrum. „Stundenlang quatschen“-Tee ist besonders geeignet für Maulfaule, Stumme und einsame Lkw-Fahrer auf der A9, die Lust auf Selbstgespräche haben. Aber Finger weg von diesem Tee, wenn Sie schwerer Asthmatiker oder Schweigemönch sind!
Mein zweiter Lieblingsteename ist „Rote Nasen Clown“-Tee der Firma Sonnentor. Unter Spitzen-Managern und Bankdirektoren wird er gern getrunken. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos trinken ALLE den „Rote Nasen Clown“-Tee. Er gilt als Getränk der Elite. Clowns dagegen hassen den „Rote Nasen Clown“-Tee, weil sie den Namen für rassistisch halten. Sehr hübsch ist auch der „Work-Life-Balance“-Tee von Goldmännchen, der vor allem für Langzeitarbeitslose eine köstliche Erfrischung ist.
Vor ein paar Tagen sah ich dann am Teeregal eine sehr korpulente Frau stehen, die sich zwei Päcken „Entschlackung!“-Tee in den Einkaufskorb legte. Im Sinne der Verbraucheraufklärung wäre es sicher gut gewesen, hätte ich gesagt: „Werte Dame, Sie wiegen 120 Kilogramm. Das ist eine Menge Schlacke. Eine gute Entschlackung ist es, sich den rechten Arm abzuschneiden oder beide Öhrchen. Aber Tee trinken, das bringt Sie doch nicht weiter.“
Gibt es eigentlich noch den guten alten Blasen- und Nieren-Tee? Oder heißt der jetzt auch: „Happy Pipi – Happy Daddy!“? Die neuen Namen machen mich fertig. Dieses Zuckrige, Kuschelige. Diese infantilen Glücks- und Wohlfühlversprechen. Dieser ganze Wellness-Horror. Stehe ich jetzt in der Teeabteilung, spüre ich, wie Aggressionen mein Herz umfassen. Ich möchte dann eine Wiese abmähen, das Zeug trocknen, in Teetüten stopfen und mit wunderbar melancholischen, lebensverneinenden Namen verkaufen. Frust-Tees. „God hates us all!“-Tee. „Schmerz & Verlust!“-Tee. „Frühzeitiges Altern & Parodontose!“-Tee. „Niemand will Sex mit mir“-Tee. „Glückskind? Schau in den Spiegel, Loser!“-Tee.
Ich trinke zurzeit wieder mehr Kaffee. Das ist eine Art Rachesex für Teetrinker. Anschließend laufe ich mit Kaffeeatem durch die Welt, der heute aber gar nicht mehr so heißt. Sondern „Frühlingskuss“.

Ein Gedanke zu “Happy Pipi und Happy Daddy

  1. Ich befürchte , dass du die Pest (lustige, sinnfreie Teenamen) gegen Cholera eingetauscht hast…geh mal zu dem berühmten amerikanischen Kaffeeverkäufer und versuche, einen einfachen Kaffee zu bestellen. Schwarz ohne alles. Dauert ungefähr eine halbe Stunde in denen man viele, viele Fragen beantworten muss und am End trinkst du einen low-fat-irgendwas (geschüttelt, nicht gerührt) mit aufgeschäumter lactosefreier half-fat-Dingenscrema. Dein Atem riecht trotzdem nach überfahrenem Hasen mit Asphaltnote 😉

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