I’ll kill you IBAN

Von Jochen-Martin Gutsch

Manchmal werde ich bockig. Sicherlich gibt es da eine charakterliche Veranlagung, ich möchte das nicht leugnen. Bockigkeit is in my blood. Zurzeit spüre ich fast täglich, wie Bockigkeit mein Herz umspült. Immer dann, wenn ich eine Banküberweisung tätige. Viele Menschen, Firmen und der unfassbar gierige Berliner Polizeipräsident bekommen von mir Geld. Viele Jahre war es so: Ich saß am Computer, trank ein Tässchen Earl-Grey-Tee und schrieb geschwind, verträumt und ohne Mühe meine Kontonummer und meine Bankleitzahl in die Zahlen-Kästchen. Jetzt ist es so: Es gibt IBAN. Die neue „International Bank Account Number“. IBAN ersetzt die alte Kontonummer und die Bankleitzahl. IBAN hat 22 Ziffern. Wegen IBAN sitze ich vor dem Computer wie ein Zahlen-Sklave und tippe bei jeder Überweisung 22 Ziffern in die Kästchen. Vertippe mich. Fluche. Fange neu an. Vertippe mich. Fluche. Spüre Verzweiflung. Spüre Mordlust. I’ll kill you, IBAN! Was Zahlen betrifft, bin ich leider sehr dumm. Zahlen fallen durch meine Hirnrinde und verschwinden im großen, dunklen Nichts. Es gab zwei strahlende Ausnahmen: meine Bankleitzahl und meine Kontonummer. Im Herbst 1990 ging ich zu einer Bank, um mein erstes Konto zu eröffnen. Man gab mir zwei sperrige Zahlen mit, die ich mir nach 20 Jahren endlich merken konnte. Manchmal dachte ich daran, die Bank zu wechseln, weil die Konditionen so mies waren. Aber ich blieb, aus Angst vor einer neuen Kontonummer und Bankleitzahl. Tja. Alles umsonst. IBAN kommt. IBAN hat sich die Europäische Union ausgedacht, um SEPA zu schaffen, den „europäischen Zahlungsverkehrsraum“, wo auch der neue BIC, der „Bank Identifier Code“, eine Rolle spielt. IBAN, SEPA, BIC – ich spüre wie Bockigkeit meinen Hals zuschnürt. Ich rief bei der Bank an. Mein Bank-Berater sagte mir, dass IBAN und SEPA nur Vorteile bringen. „Echt?“, sagte ich. „Alles wird einfacher und transparenter, Herr Gutsch. Der Zahlungsverkehr in Europa wird vereinheitlicht.“ – „Aber warum muss ich mir 22 Ziffern merken für diese IBAN?“ – „Wenn Sie mit Ihrer IBAN Geld nach Frankreich oder Griechenland überweisen, ist es schon am nächsten Tag da, Herr Gutsch. Alles geht mit der IBAN viel schneller!“ Das ist schön. Ich überweise aber nie Geld nach Frankreich oder Griechenland. Auch nicht nach Zypern oder in die Vereinigte Walachei. Ich mache nur das langweilige innerdeutsche Überweisungszeug wie die meisten Menschen. Von Berlin nach Worms. Von Berlin nach Suhl. Ich bin ja Europa-Fan. In Europa ist es allerdings meistens so: Dinge, die für die Menschen offensichtlich komplizierter und unübersichtlicher werden, begründet man europapolitisch stets damit, dass sie einfacher und transparenter werden. Mein Bankberater sagt, dass die IBAN leicht zu merken ist: Länderkennung plus Prüfziffer plus alte Kontonummer plus alte Bankleitzahl verschmelzen zur IBAN. „Ganz einfach, Herr Gutsch.“ Da wurde ich noch bockiger. Ich möchte mir dieses Zeug nicht merken. Ländercodes, Prüfziffern. In meinem Gehirn lagern bereits PINs, Passwörter, Telefonnummern, die Programmplätze der Fernbedienung, Postleitzahlen. Ein Haufen Zahlenunrat, der mir aufgedrängt wird, um mein Leben „zu vereinfachen“. Vielleicht kann ich mir die IBAN ja merken, irgendwann. Aber wenn ich kurz davor bin, werde ich wieder einen Brief bekommen mit der Nachricht, dass „der Zahlungsraum weiter vereinheitlicht wurde“: Europa plus Afrika. Dann hat die IBAN 32 Ziffern. Überweisungen in den Kongo innerhalb von zwei Stunden, Herr Gutsch! Später kommen noch Australien und Südamerika dazu. Dann hat die IBAN 62 Ziffern. Kurz vor meinem Tod, wenn der Mars besiedelt ist, wird die IBAN im Wege der interstellaren Vereinheitlichung auf 122 Ziffern angewachsen sein. Mein Tipp: Lassen Sie sich Ihre IBAN eintätowieren! Am besten auf den Bauch. Dort ist viel Platz für Ergänzungen.

13 Gedanken zu “I’ll kill you IBAN

  1. Ich habe beschlossen, mich nicht aufzuregen, und habe auf dem Bildschirm eine (elektronische) Haftnotiz plaziert, aus der ich das doofe Ding bei Bedarf rauskopiere.

    Dieser Praxistipp einer aus ähnlichen Gründen häufig verzweifelten Kreativen ist honorar- und damit IBAN-frei. *grins*

  2. Nette Glosse, aber in ihrem Kern unlogisch: Wenn ich Online-Banking mache, muss ich zwar IBAN und BIC der „gegnerischen“ Seite in die elektronischen Formulare eintragen, nicht aber meine eigenen. Die kennt das System doch eigentlich per se. Die mir obtruierten neuen Zahlen- und Ziffernungetüme muss ich doch nur ausfüllen, wenn ich vorgedruckte Überweisungsformulare erhalte, zum Beispiel als Falschparker hinter der Windschutzscheibe oder als renitenter Einzugsermächtigungsverweigerer.
    Machen Sie wirklich selbst Online-Banking oder haben Sie nur davon gehört?

  3. Pingback: Woanders – Der Wirtschaftsteil | Herzdamengeschichten

  4. Viel wichtiger als eine schnelle Überweisung nach Spanien, Griechenland oder sonstwohin, ist mir eine schnelle Überweisung innerhalb von Deutschland. Es dauert mir oft viiiiieeeel zu lange, bis hier das Geld gutgeschrieben wird. Und nebenher streichen sich die Banken dafür die Zinsen ein.

  5. Im Prinzip hat der Bankberater doch recht. Wenn man Kontononummer und Bankleitzahl auswendig kann, sollten die zusätzlichen 2 Buchstaben und 2 Ziffern auch nicht mehr das Problem sein. Es ist eben noch sehr ungwohnt. Über die neuen Postleitzahlen haben damals auch alle gestöhnt. Inzwischen sind die völlig normal.

    Die IBAN hat übrigens nur 20 Ziffern. „DE“ sind 2 Buchstaben.

    • Lieber Frank,
      erstmal, völlig richtig: DE sind zwei Buchstaben. Korrekt müsste es also heißen: 20 Ziffern und zwei Buchstaben ergeben IBAN.
      Und sicher wird es mir auch irgendwann möglich sein, mir „meine“ IBAN zu merken. Ein Problem, das Hauptproblem, bleibt aber: Ich muss andere IBANs abtippen, eintragen, wenn ich Überweisungen tätige. 22 Felder mit Ziffern- und Buchstabenfolgen. Tipp-Tipp-Tipp.
      Und ich glaube einfach, lange Zahlenketten haben noch nie zu irgendeiner Vereinfachung beigetragen. Vielleicht für die Maschinen. Aber nicht für den Menschen.

  6. Wie man hört, ist es jetzt erst mal verschoben, das IBANdings. Um sechs Monate.
    Nach diesem Text habe ich aber Angst davor, dass es nur zur Ausweitung der Kampfzone führen wird. IWAN, beispielsweise, oder KIMJONGUNWAHN. Oder halt, nein, die bezahlen wir ja in Skiliften. Glück gehabt.

  7. @Frank
    Stimmt – Es gab ein Riesenlamento – damals bei der Einführung der neuen Postleitzahlen. Fernsehshows mit Rudi Carell, Werbespots und das Maskottchen Rolf (die gelbe Hand auf zwei Beinen) aus Plüsch.
    Ich denke, dass die Abneigung gegen die schreckliche IBAN nur daran liegt, dass man sich kein niedliches Stofftier ausgedacht hat.

  8. *lol*, der Kram bleibt quasi gleich mit nem DE davor und nen paar nullen dazwischen und das ist zu kompliziert? Sieh es positiv: wenn man hin und wieder mal das Hirn bemüht, bleibt es fitt 😉

  9. Einen weitaus größeren Skandal hat hier noch niemand angemerkt: So ganz nebenbei sind mit dem IBAN-Verfahren unsere guten Umlaute und Sonderzeichen vom internationalen Bankverkehr ausgeschlossen worden: ä, ü, ö und ß sind nicht mehr salonfähig. 7-Bit-ASCII statt Unicode. Das ist eigentlich Computer-Steinzeit.
    Wäre doch nur konsequent, die sperrrigen Gesellen bei der nächsten Rechtschreibreform ganz abzuschaffen, oder?

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