Briefe, die Eindruck machen

Ich möchte meinen Handy-Vertrag kündigen. Ich rief bei der Mobilfunk-Firma an. Das ist ein modernes Unternehmen, das die neuestes Features und Apps anbietet. Kündigen aber, sagten sie dort, könnte ich nur per Brief. Das klang erstaunlich old school. Meinen letzten Brief schrieb ich irgendwann in den 90ern. Ich besitze kein Briefpapier und kein Siegelwachs. Allerdings besitze ich seit einigen Tagen ein Buch über das perfekte Briefeschreiben. Der Einband ist verblichen, das Papier riecht muffig, manchmal denke ich, es riecht nach nasser Katze.

Das Buch ist ein Erbstück, im Einband steht der Name meiner Großmutter. Es trägt den Titel: „Briefe, die Eindruck machen – Anleitung zur Abfassung wirkungsvoller und erfolgsversprechender Briefe“. Es ist aus dem Jahr 1939. Daher findet sich im Buch leider kein Kapitel zum „Briefverkehr mit Mobilfunk-Unternehmen“. Dafür gibt es Formulierungsvorschläge für „Glückwünsche an einen HJ-Truppenführer“ oder für „Trauerbezeugungen“.

Ein Beispiel? „Beim Tode durch einen Sportunfall“, wird auf Seite 65 folgende Formulierung empfohlen: „Soeben erfahre ich zu meiner Bestürzung, dass Sie den lieben  … durch einen Sportunfall verloren haben. Der plötzliche Tod ist gewiss hart für Ihre Familie, und doch: Wer stirbt schöner als der sportbegeisterte Jüngling, der auf jubelnder Gipfelfahrt jäh in die Nacht des Todes stürzt!“ Kein Witz. So steht es da.

Meine Großmutter war lange in einem Ruderklub. Vielleicht ist da mal jemand ertrunken, und meine  Großmutter fragte: „Was schreiben wir nur in den Brief?“ Und mein Großvater sagte: „Kein Problem. Wir gucken  nach bei ,Briefe, die Eindruck machen‘.“

„Was schreiben wir nur in den Brief?“

Das Buch war ein Standardwerk, hohe Auflage. Ganz Deutschland schrieb so. „Zum Tode eines Kindes“ finden sich diese einfühlsamen Worte: „So ist es nun doch gekommen, dass Euer lieber  … nach einem so kurzen Dasein wieder in die Ewigkeit gerufen worden ist. Der Abschied auf Nimmerwiedersehen ist gewiss schwer, aber: Gottes Will hat kein Warum, und vielleicht ist es sogar gut, dass diesem schwächlichen kleinen Körperchen der Lebenskampf erspart geblieben ist.“
Das ist der klirrende Sound von 1939. Tröstend, optimistisch, darwinistisch.

Einige Vorschläge müsste man heute vor der Verwendung ein wenig der Zeit anpassen. Vor allem bei den Bewerbungsschreiben. „Ihre werte Annonce im ‚Völkischen Beobachter‘ vom … veranlasst mich, Ihnen meine Dienste anzubieten. Heil Hitler!“
Anderes gilt heute mehr denn je und ist besonders für Wähler der NPD interessant: „Es ist zwecklos, Briefe unmittelbar an den Führer und Reichskanzler zu richten.“

Auf Seite 116 las ich eine Formulierung zur „Beschwerde an die Reichspost wegen Rundfunkstörung“: „Vorüberfahrende Straßenbahnwagen erzeugen derartige Spritzfunken, dass ein Rundfunkempfang unmöglich ist. Die Störungen zwingen mich, meine Abmeldung bei der Reichspost einzugeben. Heil Hitler!“

Seit Tagen lese ich jeden Abend in dem Buch. Meine Sprache verändert sich. Ich überlege  jetzt, meine Kündigung  im Stile von „Briefe, die Eindruck machen“ zu formulieren. Wie könnte das klingen? „An die Firma Vodafone: Verehrte Volksgenossen, mein Beruf zwingt mich, eine längere Reise zu machen.

Mein geliebtes deutsches Handtelefon hat seinen Dienst treu getan. Selbst Spritzfunken der  Straßenbahn konnten ihm nichts anhaben. Wie gern las ich über das Internetz die Reichsnachrichten auf ‚Völkischer Beobachter online‘. Dennoch muss ich Lebewohl sagen. Das ist hart für ihr Unternehmen. Aber Gottes Will hat kein Warum! Ihr Jochen Gutsch“.

Ich entdeckte aber in diesem Schluss einen schweren Fehler. Auf Seite 29  heißt es über das Briefende: „Gebräuchlich ist heute: ,Mit Deutschem Gruß!‘, wobei das ,Deutsch‘ mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben wird.“ Ja, natürlich. Heil Hitlerchen!

Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch lesen am 26. und 27. April aus ihren Kolumnen. Im Kino Babylon in Mitte, Beginn 20 Uhr

Von Jochen-Martin Gutsch

Ein Gedanke zu “Briefe, die Eindruck machen

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