Die Wanderhure

Im Tonfall großer Klage berichtete mein Freund Maxim an dieser Stelle, dass er kaum noch im ehelichen Bett schlafen darf. Wegen seines Schnarch-Problems. Seine Frau schmeißt ihn raus, und er muss auf der brettharten Couch nächtigen wie ein Partygast aus dem Umland. Maxim hat Angst, die Nächte im Ehebett könnten für immer vorbei sein. Tja. Was soll ich sagen? Halleluja!

Mit dem Wort „Ehebett“ verbinde ich so viel Sexyness wie mit dem Wort „Fleischsalat“. Im Ehebett bekommt man als junger Mensch eine schmale Hälfte zugeteilt, eine Art gepolsterte Legebatterie, zusammen mit einer Nachttischlampe. In dieser Hälfte verbringt man dann die nächsten fünfzig Jahre. Die andere Hälfte, bewohnt vom Ehepartner, besucht man eigentlich nur, wenn es zur sexuellen Begegnung kommt oder man anschließend im Dunkeln die Unterhose sucht. Manche Paare schlafen noch im Jenseits im Ehebett. Und machen Löffelchen. Das nennt man dann Familiengrab.

Interessant ist, dass im Ehebett die ein Mal getroffene Seitenwahl fast nie wieder aufgehoben wird. Es gibt nicht UNSER Bett. Es gibt nur DEINE Seite und MEINE Seite. Die Seiten bleiben selbst dann unveränderlich, wenn man das Bett wechselt, die Wohnung oder den Ehepartner.

Ich habe mangels Ehe kein Ehebett. Aber so eine Art Paarbett. Ich habe die Frau, die ich mag, schon mal gefragt, ob ich auf ihrer Seite des Paarbettes schlafen könnte. Nur so. Zur Abwechslung. Sie sah mich an, als wäre ich dem Wahnsinn verfallen.
Ich schlafe rechts, am Fenster. Um wilde Tiere aufzuhalten, Wind, Kälte. So lange, bis ich in der Nacht das Schlafzimmer verlasse.

Die Frau, die ich unendlich mag, hat einen sehr leichten Schlaf. Manchmal, im Sommer, setzt sich ein Schmetterling auf das Fensterbrett. Oder eine Ameise kämmt sich dort ein bisschen die Haare. Dann schreckt die Frau hoch und ruft: Was ist das für ein Lärm!
Ich liebe ja ein bisschen Lärm. So ein Stadtgemurmel, eine ferne S-Bahn oder eine Straßenbahn. Die Frau, die ich mag, sagt: Vielleicht machen wir das Fenster zu. Ich sage: Dann ist es so still. Sie sagt: Ja, herrlich. Ich sage: Ich fühle mich wie Lenin im Mausoleum. Sie sagt: Dann geh’ doch ins „Rödelzimmer“.

Im Gästezimmer darf ich rumrödeln. Die Fenster aufreißen. Mich im Schlaf hin und her wälzen. Gerne reibe ich auch die Füße aneinander, so baue ich Anspannung ab.
Ich bin jede Nacht dort drüben im Gästezimmer. Ich bin Dauergast. Erst schlafen wir im Schlafzimmer zusammen ein bisschen ein, irgendwann schließe ich das Fenster und gehe ins Gästezimmer. Morgens wechsle ich wieder ins Schlafzimmer.
Die Frau, die ich mag, nennt mich „Die Wanderhure“.

Ich schlafe gerne allein. Ich muss nicht leise sein oder rücksichtsvoll oder muss die Leselampe löschen. Anfangs habe ich das alles versucht. Ich habe mich angestrengt und wenig gewälzt, wenig mit den Füßen geschabt, ich unterdrückte meine Schlafreflexe und starrte im Paarbett schlaflos in die Nacht wie ein Uhu. Jetzt bin ich die Wanderhure.

Das ist okay. Den Mythos „Gemeinsames Schlafzimmer“ habe ich nie begriffen. Ich verstehe nicht, warum man Jahrzehnte lang neben einem Menschen liegen soll. Ich glaube nicht, dass die Intimität größer wird, wenn man sie ständig teilt.

Schwierig sind die Urlaube. Hotelzimmer haben meist nur ein Doppelbett. Ich könnte eine Suite mieten, aber ich bin zu geizig. Manchmal gibt es eine kleine Couch. Dort liegt die Wanderhure zusammengerollt wie ein Hund und versucht zu schlafen.

Von Jochen-Martin Gutsch.

9 Gedanken zu “Die Wanderhure

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  3. Es gibt zwei Unterschiede, die ich zwischen dem komatösen Eichhörnchen und der Wanderhure ausmachen kann. Ersteres hat die pubertäre Phase, in der man das “L-Wort” nie, nienieniemals und in keinem Fall über die Lippen bringt, überwunden und strengt den Leser nicht mit überbemühten Phrasen an. Und es hat kein Gästezimmer, weshalb es mit dem Sofa vorlieb nehmen muss. Ansonsten mag man auf die Flasche ein anderes Etikett kleben der Inhalt gleicht sich. Und den Friedhof der Lust kann man ehrer unterhalb der Gürtellinie denn im Ehebett ausmachen. Es gäbe da ja noch die Dusche, den Teppich, die Sofalehne, den Küchentisch…

  4. Die “Wanderhure” könnte von mir sein, ich kann es nur nicht so gut und so treffend. Endlich schreibt es einmal jemand auf, damit man es vorzeigen kann, um zu beweisen, dass man nicht der einzige Mensch ist, der so denkt und das fassungslose Anstarren aufhört. Danke und weiter so, es gibt noch so viele Themen…

  5. Entzückend! Diesen Artikel werde ich mal wieder mit bestem Gewissen verbreiten, wo ich doch jetzt auch in Facebook mache. :o)
    Vielen Dank für diese liebevollen Beschreibungen! Die Frau, die Sie mögen, hat Sie verdient! Mein Lieblingstext von Ihnen, der hier einer Kiste schlummert und vor sich hin “vergilbt”, ist November in Berlin (genauer Titel entfallen).
    Wie wäre es mit einem Remake – mit mehr Drama zum Beispiel? Dann hätten Sie ganz schnell und bestens aufwandoptimiert Ihre Kolumne im Sack, während Herr Maxim noch grübelt.
    Einen schönen November Ihnen beiden wünscht Kati

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